Rezension zu Frank Schirrmachers „Ego – Das Spiel des Lebens“

19. Februar 2013 | Von | Kategorie: Rezensionen

Frank Schirrmacher: „Ego – Das Spiel des Lebens“, Karl Blessing Verlag, München 2013, 352 Seiten

Frank Schirrmacher schreibt eine apokalyptisch anmutende Kritik an den Mechanismen der Finanz- und Handelsmärkte, genauer: an den Methoden, mit denen sie uns wehrlos machen – und erntet extreme Reaktionen: die Welt macht ihn zum Paranoiker, dessen Verschwörungstheorie gegen alle Fakten und Gegenargumente immun ist ¹, die Süddeutsche Zeitung feiert ihn als Kapitalismuskritiker der neuen Generation, jenseits der altbackenen linken Theorien der 68er ².

Die der Spieltheorie nach Schirrmacher zu Grunde liegende Idee, dass Menschen alles nur um des eigenen Vorteils willen tun, ist uralt. Insofern kann nicht die Rede davon sein, dass wir erst jetzt „mit diesem Denken in Berührung kommen“. Diese Idee kann weder bewiesen oder widerlegt werden, denn sie repräsentiert in aller Regel das Denken nicht des Beobachteten, sondern des Beobachters. Schirrmacher ist in Panik, weil er in der Welt keine menschlichen Maßstäbe mehr sieht – und macht dafür anonyme Mächte, einen Algorithmus verantwortlich. Doch waren in der Ökonomie je menschliche Maßstäbe gültig? Wer den Variationen des Buches folgt – denn von einem geduldig entwickelten Argument kann keine Rede sein – begegnet immer wieder einem zentralen Motiv: dem Versprechen der totalen Wunscherfüllung, wenn man sich nur den Regeln der Informationskapitalismus bedingungslos unterwirft. Das ist Mephisto im 21. Jahrhundert, und es lohnt sich nachzulesen, wie Faust dieser Verführung erliegt und dann doch gerettet wird, durch die Kraft der menschlichen Beziehung, die es eben doch gab, trotz aller Alchemie, mit der zuvor nachgeholfen wurde sie herzustellen.

Im Grunde muss man sagen: es lohnt sich nicht, dieses Buch zu lesen. Schirrmacher füttert uns mit Zitaten und mit Ereignissen, deren umwälzende Kraft beschworen wird wie ein Mantra. Er argumentiert nicht, er vertraut darauf, dass das Trommelfeuer argumentativ nicht miteinander verbundener Einzelinformationen eine Suggestion der Unausweichlichkeit bewirkt. Insofern macht er sich selbst dessen schuldig, was er der auf der Spieltheorie basierenden digitalen Welt vorwirft: Zusammenhänge durch die große Zahl von Einzelinformationen zu ersetzen.

Es lohnt sich jedoch, sich mit dem Problem zu beschäftigen, das sich hinter Schirrmachers Katastrophenszenario verbirgt. Verschwörungstheorien sollte zwar man mit Vorsicht begegnen. Die Welt erweist sich in aller Regel als komplexer als diese Theorien annehmen. Graue Eminenzen und wahnsinnige Wissenschaftler verantwortlich zu machen, liest sich fast als Dokument der Hilflosigkeit angesichts der Anonymität der Mechanismen, die allem Anschein nach von uns Besitz ergreifen. Aber Schirrmacher hätte vielleicht besser einen Roman schreiben sollen, eine Art MOMO für Erwachsene – denn an Michael Endes MOMO fühlt man sich erinnert. Die grauen Herren, die von unserem Denken Besitz ergreifen, die uns bei unserer Gier nach Anerkennung, nach Profit, nach Effizienz packen und uns damit unsere Menschlichkeit nehmen. Nun fehlt erstens bei Schirrmacher die Hauptfigur, nämlich Momo, die aus eigentlich unerklärlichen Gründen gegen die Grauen Herren immun ist und darum die Welt von ihrer Herrschaft befreien kann. Zweitens habe ich auch mit Momo meine Probleme – überdeutlich-einseitig ist hier die Message, mit für Michael Ende ansonsten untypischem erhobenen Zeigefinger. Und so auch bei Schirrmacher. Aber wer sollte denn eigentlich für die Grauen Herren, oder, entsprechend, für die Spieltheorie, Partei ergreifen wollen? Ist sie nicht überdeutlich die gesichtslose Maske des Bösen? Die Einwände des Welt-Kritikers haben hier durchaus Gewicht: die Spieltheorie ist nicht böse. Sie appelliert an unser Bestreben zu gewinnen, doch der Hauptgewinn, so lehrt uns das Leben, ist ohnehin nur durch die schönste Niederlage zu erringen, die das Leben für uns bereithält…

Warnende Kritik wie die von Schirrmacher hat das Recht, einseitig zu sein. Sie muss nicht, wie Literatur, immer auch die andere Seite auf der Rechnung haben, denn sie eröffnet einen Diskurs, sie fordert und bekommt Repliken. Die bisherigen Repliken sind eher Reflexe – Reflexe der Rechtfertigung des in den Schmutz getretenen „freien“ Marktes oder aber des Einstimmens in einen letztlich undifferenzierten Warnschrei. Ist eine abwägende Beurteilung des Gespenstes, das Schirrmacher an die Wand malt, möglich? Ich will es versuchen. Ich gehe dafür von einem Schlüsselbegriff in Schirrmachers Buch aus, der Digitalisierung, und greife einen Aspekt heraus, der in der Rezension der Süddeutschen Zeitung ebenfalls zu Recht betont wird: die Reduktion der Welt auf ihren „Informationscharakter“ ist nicht allein, aber sicherlich auch  der Verwendung elektronischer Datenverarbeitung anzulasten. Die „Wissensgesellschaft“ folgt dem sentiero luminoso digitaler Datenbanken. Es dürfte zwar schwer sein,  einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen der exzessiven Verwendung von Computern und der Verschiebung schulischen und universitären Lernens zur „Wissensvermittlung“ nachzuweisen. Einleuchtender ist schon die immer weiter verbreitete Verknüpfung wissenschaftlicher Forschung auch in den Geisteswissenschaften mit Daten und ihrer großen Zahl – das Schlagwort der digital humanities hypnotisiert die Forscher. Nun ist diese Methode nicht nur überaus erfolgreich, sondern an sich auch nicht „böse“. Man muss wissen, und man kann aus charakteristischen Ansammlungen und Anhäufungen innerhalb des Datenmaterials durchaus Erkenntnisse gewinnen. Das „Digitale“ wurde nicht erst im Informationszeitalter erfunden – es war schon der treibende Motor der Aufklärung.

Ist Schirrmachers Warnschrei damit überflüssig?  Nein, aber Schirrmacher blendet die Alternative aus, die immer zur Verfügung steht, er blendet das kleine Mädchen Momo aus und die Kraft, die ihm ermöglicht, den grauen Herren Widerstand zu leisten. Und diese Kraft, die jeder von uns in sich trägt, relativiert dann auch Schirrmachers Apokalypse, seine Version vom Untergang des Abendlandes. Es ist mal wieder Zeit für eine Korrekturbewegung, wie gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als die Romantiker gegen die Totaldigitalisierung des Menschen durch die Aufklärung protestierten.  Der Mensch hat nämlich neben seiner digitalen Identität, die ihm die Logik seines Intellekts bereitstellt, auch noch eine analoge Identität, die ihn erstens befähigt, menschliche Beziehungen einzugehen, und die es ihm, zweitens, möglich macht, nicht nur zu wissen, sondern auch zu verstehen. Hegel, eigentlich kein Romantiker, wusste gegen die Totalisierung des Wissens und der Information bereits: Wer etwas weiß, hat es noch lange nicht verstanden. Verstehen heißt Verknüpfen, und zwar gerade nicht der großen Datenmengen, sondern der Beobachtungen, die ich selbst mache. Verstehen heißt Verknüpfen unter Einbeziehung meiner selbst als Beobachter. Dies ist auf der digitalen Ebene nicht möglich, der Computer kennt sich nicht als Beobachter, diesen Part müssen wir selbst spielen, doch wir scheuen uns davor, da das Verstandene keinen reinen Informationscharakter mehr hat, es ist von mir abhängig. Nicht in dem Sinne, dass es relativ auf meine Subjektivität ist, sondern dass ich das Verstandene zu verantworten habe, dass ich mich aus dieser Verknüpfung nicht mehr herausstehlen kann.  Die digitale Welt birgt die Verführung, Verantwortung aufzugeben, im Namen einer „Objektivität“, die jetzt überall das Wort führt, zum Beispiel im Begriff der Alternativlosigkeit.

Analoges Verknüpfen heißt Beziehungen herzustellen und damit immer zugleich Verantwortung zu übernehmen,  und das führt uns sofort hinaus aus der spieltheoretischen Egomanie. Wer beziehungsfähig ist, der ist immun gegen Amazon und Facebook, der bildet sich nicht ein, er habe viele Freunde, nur weil ihn im sozialen Netzwerk viele gebookmarkt haben. Der weiß zwar, dass er verführbar ist, er weiß aber auch, dass sich alle digitalen Verführungen letztlich als bloße Surrogate für die Erfüllung der einen wahrhaftigen Sehnsucht, der Sehnsucht nach Gemeinschaft mit dem anderen Menschen, erweisen. Und er weiß, dass er diesseits aller digital über ihn gesammelten Informationen lebt, dass Amazon an seine Seele, anders als der Teufel in Wilhelm Hauffs Das kalte Herz, nicht herankommt. Das lässt ihn gelassen einer nicht mehr so digitalen Zukunft entgegensehen, einer Zukunft, in der der Mensch zum Dialog zurückfindet, zum Dialog nicht nur mit dem anderen Menschen, sondern auch mit der Natur, die zu ihm spricht, wenn er sie nicht digitalisiert, auch mit der Geschichte, deren innere Zusammenhänge sich in der Digitalisierung verflüchtigen, und mit der Kunst, der radikalsten Negation des Digitalen, die die menschliche Kultur hervorgebracht hat.

Bevor wir uns nun aber in Abscheu vom Digitalen abwenden und unserer analogen Seite ein Exklusivrecht an unserer Kultur zubilligen, sei bedacht, dass ohne „Digitalität“ keine Logik, mithin keine rationale Erkenntnis und eben damit auch kein Wissen möglich sind. Wissen und Verstehen ringen in uns miteinander, einen goldenen Mittelweg scheint es zwischen ihnen nicht zu geben, doch gottlob besteht auch nicht die Gefahr,  dass das eine zugunsten des anderen ganz verschwindet. Also: ja zur Kurskorrektur, vor allem in der Pädagogik, denn mit Wissen ohne Verstehen erreicht man Kinder und Jugendliche nicht nur nicht, man leistet mit „Wissensvermittlung“ auch keinen Beitrag zur Entwicklung jener verantwortlichen Selbstbestimmung, die man Persönlichkeit nennt. Korrekturen auch in der Politik, die in der „gesunden Ökonomie“ allzu ausschließlich das Wohl der Bürger sieht, die ihr aber keineswegs „alternativlos“ ausgeliefert ist. Nein aber zur Apokalyptik und zur Verschwörungstheorie, denn der Eigennutz gehört zwar mit zu unserem Wesen, definiert es aber nicht. Der Mensch ist wie der Orang Utan und der Delphin ein soziales, empathiefähiges Wesen, und die spieltheoretische Fiktion wird uns mitnichten dieser evolutionär tief eingewurzelten Komponente unseres Daseins berauben.


1. Cornelius Tittel: Die Monster des Doktor Frank Schirrmacher, abrufbar unter http://www.welt.de/kultur/article113687605/Die-Monster-des-Doktor-Frank-Schirrmacher.html (Stand: 19.02.2013).

2. Andreas Zielcke: Vom Sieg eines inhumanen Modells , abrufbar unter http://www.sueddeutsche.de/kultur/frank-schirrmachers-ego-das-spiel-des-lebens-vom-sieg-eines-inhumanen-modells-1.1601727 (Stand: 19.02.2013).


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Frank Schirrmacher: „Ego – Das Spiel des Lebens“, Karl Blessing Verlag, München 2013, 352 Seiten

Frank Schirrmacher schreibt eine apokalyptisch anmutende Kritik an den Mechanismen der Finanz- und Handelsmärkte, genauer: an den Methoden, mit denen sie uns wehrlos machen – und erntet extreme Reaktionen: die Welt macht ihn zum Paranoiker, dessen Verschwörungstheorie gegen alle Fakten und Gegenargumente immun ist ¹, die Süddeutsche Zeitung feiert ihn als Kapitalismuskritiker der neuen Generation, jenseits der altbackenen linken Theorien der 68er ².

Die der Spieltheorie nach Schirrmacher zu Grunde liegende Idee, dass Menschen alles nur um des eigenen Vorteils willen tun, ist uralt. Insofern kann nicht die Rede davon sein, dass wir erst jetzt „mit diesem Denken in Berührung kommen“. Diese Idee kann weder bewiesen oder widerlegt werden, denn sie repräsentiert in aller Regel das Denken nicht des Beobachteten, sondern des Beobachters. Schirrmacher ist in Panik, weil er in der Welt keine menschlichen Maßstäbe mehr sieht – und macht dafür anonyme Mächte, einen Algorithmus verantwortlich. Doch waren in der Ökonomie je menschliche Maßstäbe gültig? Wer den Variationen des Buches folgt – denn von einem geduldig entwickelten Argument kann keine Rede sein – begegnet immer wieder einem zentralen Motiv: dem Versprechen der totalen Wunscherfüllung, wenn man sich nur den Regeln der Informationskapitalismus bedingungslos unterwirft. Das ist Mephisto im 21. Jahrhundert, und es lohnt sich nachzulesen, wie Faust dieser Verführung erliegt und dann doch gerettet wird, durch die Kraft der menschlichen Beziehung, die es eben doch gab, trotz aller Alchemie, mit der zuvor nachgeholfen wurde sie herzustellen.

Im Grunde muss man sagen: es lohnt sich nicht, dieses Buch zu lesen. Schirrmacher füttert uns mit Zitaten und mit Ereignissen, deren umwälzende Kraft beschworen wird wie ein Mantra. Er argumentiert nicht, er vertraut darauf, dass das Trommelfeuer argumentativ nicht miteinander verbundener Einzelinformationen eine Suggestion der Unausweichlichkeit bewirkt. Insofern macht er sich selbst dessen schuldig, was er der auf der Spieltheorie basierenden digitalen Welt vorwirft: Zusammenhänge durch die große Zahl von Einzelinformationen zu ersetzen.

Es lohnt sich jedoch, sich mit dem Problem zu beschäftigen, das sich hinter Schirrmachers Katastrophenszenario verbirgt. Verschwörungstheorien sollte zwar man mit Vorsicht begegnen. Die Welt erweist sich in aller Regel als komplexer als diese Theorien annehmen. Graue Eminenzen und wahnsinnige Wissenschaftler verantwortlich zu machen, liest sich fast als Dokument der Hilflosigkeit angesichts der Anonymität der Mechanismen, die allem Anschein nach von uns Besitz ergreifen. Aber Schirrmacher hätte vielleicht besser einen Roman schreiben sollen, eine Art MOMO für Erwachsene – denn an Michael Endes MOMO fühlt man sich erinnert. Die grauen Herren, die von unserem Denken Besitz ergreifen, die uns bei unserer Gier nach Anerkennung, nach Profit, nach Effizienz packen und uns damit unsere Menschlichkeit nehmen. Nun fehlt erstens bei Schirrmacher die Hauptfigur, nämlich Momo, die aus eigentlich unerklärlichen Gründen gegen die Grauen Herren immun ist und darum die Welt von ihrer Herrschaft befreien kann. Zweitens habe ich auch mit Momo meine Probleme – überdeutlich-einseitig ist hier die Message, mit für Michael Ende ansonsten untypischem erhobenen Zeigefinger. Und so auch bei Schirrmacher. Aber wer sollte denn eigentlich für die Grauen Herren, oder, entsprechend, für die Spieltheorie, Partei ergreifen wollen? Ist sie nicht überdeutlich die gesichtslose Maske des Bösen? Die Einwände des Welt-Kritikers haben hier durchaus Gewicht: die Spieltheorie ist nicht böse. Sie appelliert an unser Bestreben zu gewinnen, doch der Hauptgewinn, so lehrt uns das Leben, ist ohnehin nur durch die schönste Niederlage zu erringen, die das Leben für uns bereithält…

Warnende Kritik wie die von Schirrmacher hat das Recht, einseitig zu sein. Sie muss nicht, wie Literatur, immer auch die andere Seite auf der Rechnung haben, denn sie eröffnet einen Diskurs, sie fordert und bekommt Repliken. Die bisherigen Repliken sind eher Reflexe – Reflexe der Rechtfertigung des in den Schmutz getretenen „freien“ Marktes oder aber des Einstimmens in einen letztlich undifferenzierten Warnschrei. Ist eine abwägende Beurteilung des Gespenstes, das Schirrmacher an die Wand malt, möglich? Ich will es versuchen. Ich gehe dafür von einem Schlüsselbegriff in Schirrmachers Buch aus, der Digitalisierung, und greife einen Aspekt heraus, der in der Rezension der Süddeutschen Zeitung ebenfalls zu Recht betont wird: die Reduktion der Welt auf ihren „Informationscharakter“ ist nicht allein, aber sicherlich auch  der Verwendung elektronischer Datenverarbeitung anzulasten. Die „Wissensgesellschaft“ folgt dem sentiero luminoso digitaler Datenbanken. Es dürfte zwar schwer sein,  einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen der exzessiven Verwendung von Computern und der Verschiebung schulischen und universitären Lernens zur „Wissensvermittlung“ nachzuweisen. Einleuchtender ist schon die immer weiter verbreitete Verknüpfung wissenschaftlicher Forschung auch in den Geisteswissenschaften mit Daten und ihrer großen Zahl – das Schlagwort der digital humanities hypnotisiert die Forscher. Nun ist diese Methode nicht nur überaus erfolgreich, sondern an sich auch nicht „böse“. Man muss wissen, und man kann aus charakteristischen Ansammlungen und Anhäufungen innerhalb des Datenmaterials durchaus Erkenntnisse gewinnen. Das „Digitale“ wurde nicht erst im Informationszeitalter erfunden – es war schon der treibende Motor der Aufklärung.

Ist Schirrmachers Warnschrei damit überflüssig?  Nein, aber Schirrmacher blendet die Alternative aus, die immer zur Verfügung steht, er blendet das kleine Mädchen Momo aus und die Kraft, die ihm ermöglicht, den grauen Herren Widerstand zu leisten. Und diese Kraft, die jeder von uns in sich trägt, relativiert dann auch Schirrmachers Apokalypse, seine Version vom Untergang des Abendlandes. Es ist mal wieder Zeit für eine Korrekturbewegung, wie gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als die Romantiker gegen die Totaldigitalisierung des Menschen durch die Aufklärung protestierten.  Der Mensch hat nämlich neben seiner digitalen Identität, die ihm die Logik seines Intellekts bereitstellt, auch noch eine analoge Identität, die ihn erstens befähigt, menschliche Beziehungen einzugehen, und die es ihm, zweitens, möglich macht, nicht nur zu wissen, sondern auch zu verstehen. Hegel, eigentlich kein Romantiker, wusste gegen die Totalisierung des Wissens und der Information bereits: Wer etwas weiß, hat es noch lange nicht verstanden. Verstehen heißt Verknüpfen, und zwar gerade nicht der großen Datenmengen, sondern der Beobachtungen, die ich selbst mache. Verstehen heißt Verknüpfen unter Einbeziehung meiner selbst als Beobachter. Dies ist auf der digitalen Ebene nicht möglich, der Computer kennt sich nicht als Beobachter, diesen Part müssen wir selbst spielen, doch wir scheuen uns davor, da das Verstandene keinen reinen Informationscharakter mehr hat, es ist von mir abhängig. Nicht in dem Sinne, dass es relativ auf meine Subjektivität ist, sondern dass ich das Verstandene zu verantworten habe, dass ich mich aus dieser Verknüpfung nicht mehr herausstehlen kann.  Die digitale Welt birgt die Verführung, Verantwortung aufzugeben, im Namen einer „Objektivität“, die jetzt überall das Wort führt, zum Beispiel im Begriff der Alternativlosigkeit.

Analoges Verknüpfen heißt Beziehungen herzustellen und damit immer zugleich Verantwortung zu übernehmen,  und das führt uns sofort hinaus aus der spieltheoretischen Egomanie. Wer beziehungsfähig ist, der ist immun gegen Amazon und Facebook, der bildet sich nicht ein, er habe viele Freunde, nur weil ihn im sozialen Netzwerk viele gebookmarkt haben. Der weiß zwar, dass er verführbar ist, er weiß aber auch, dass sich alle digitalen Verführungen letztlich als bloße Surrogate für die Erfüllung der einen wahrhaftigen Sehnsucht, der Sehnsucht nach Gemeinschaft mit dem anderen Menschen, erweisen. Und er weiß, dass er diesseits aller digital über ihn gesammelten Informationen lebt, dass Amazon an seine Seele, anders als der Teufel in Wilhelm Hauffs Das kalte Herz, nicht herankommt. Das lässt ihn gelassen einer nicht mehr so digitalen Zukunft entgegensehen, einer Zukunft, in der der Mensch zum Dialog zurückfindet, zum Dialog nicht nur mit dem anderen Menschen, sondern auch mit der Natur, die zu ihm spricht, wenn er sie nicht digitalisiert, auch mit der Geschichte, deren innere Zusammenhänge sich in der Digitalisierung verflüchtigen, und mit der Kunst, der radikalsten Negation des Digitalen, die die menschliche Kultur hervorgebracht hat.

Bevor wir uns nun aber in Abscheu vom Digitalen abwenden und unserer analogen Seite ein Exklusivrecht an unserer Kultur zubilligen, sei bedacht, dass ohne „Digitalität“ keine Logik, mithin keine rationale Erkenntnis und eben damit auch kein Wissen möglich sind. Wissen und Verstehen ringen in uns miteinander, einen goldenen Mittelweg scheint es zwischen ihnen nicht zu geben, doch gottlob besteht auch nicht die Gefahr,  dass das eine zugunsten des anderen ganz verschwindet. Also: ja zur Kurskorrektur, vor allem in der Pädagogik, denn mit Wissen ohne Verstehen erreicht man Kinder und Jugendliche nicht nur nicht, man leistet mit „Wissensvermittlung“ auch keinen Beitrag zur Entwicklung jener verantwortlichen Selbstbestimmung, die man Persönlichkeit nennt. Korrekturen auch in der Politik, die in der „gesunden Ökonomie“ allzu ausschließlich das Wohl der Bürger sieht, die ihr aber keineswegs „alternativlos“ ausgeliefert ist. Nein aber zur Apokalyptik und zur Verschwörungstheorie, denn der Eigennutz gehört zwar mit zu unserem Wesen, definiert es aber nicht. Der Mensch ist wie der Orang Utan und der Delphin ein soziales, empathiefähiges Wesen, und die spieltheoretische Fiktion wird uns mitnichten dieser evolutionär tief eingewurzelten Komponente unseres Daseins berauben.


1. Cornelius Tittel: Die Monster des Doktor Frank Schirrmacher, abrufbar unter http://www.welt.de/kultur/article113687605/Die-Monster-des-Doktor-Frank-Schirrmacher.html (Stand: 19.02.2013).

2. Andreas Zielcke: Vom Sieg eines inhumanen Modells , abrufbar unter http://www.sueddeutsche.de/kultur/frank-schirrmachers-ego-das-spiel-des-lebens-vom-sieg-eines-inhumanen-modells-1.1601727 (Stand: 19.02.2013).


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Frank Schirrmacher: „Ego – Das Spiel des Lebens“, Karl Blessing Verlag, München 2013, 352 Seiten

Frank Schirrmacher schreibt eine apokalyptisch anmutende Kritik an den Mechanismen der Finanz- und Handelsmärkte, genauer: an den Methoden, mit denen sie uns wehrlos machen – und erntet extreme Reaktionen: die Welt macht ihn zum Paranoiker, dessen Verschwörungstheorie gegen alle Fakten und Gegenargumente immun ist ¹, die Süddeutsche Zeitung feiert ihn als Kapitalismuskritiker der neuen Generation, jenseits der altbackenen linken Theorien der 68er ².

Die der Spieltheorie nach Schirrmacher zu Grunde liegende Idee, dass Menschen alles nur um des eigenen Vorteils willen tun, ist uralt. Insofern kann nicht die Rede davon sein, dass wir erst jetzt „mit diesem Denken in Berührung kommen“. Diese Idee kann weder bewiesen oder widerlegt werden, denn sie repräsentiert in aller Regel das Denken nicht des Beobachteten, sondern des Beobachters. Schirrmacher ist in Panik, weil er in der Welt keine menschlichen Maßstäbe mehr sieht – und macht dafür anonyme Mächte, einen Algorithmus verantwortlich. Doch waren in der Ökonomie je menschliche Maßstäbe gültig? Wer den Variationen des Buches folgt – denn von einem geduldig entwickelten Argument kann keine Rede sein – begegnet immer wieder einem zentralen Motiv: dem Versprechen der totalen Wunscherfüllung, wenn man sich nur den Regeln der Informationskapitalismus bedingungslos unterwirft. Das ist Mephisto im 21. Jahrhundert, und es lohnt sich nachzulesen, wie Faust dieser Verführung erliegt und dann doch gerettet wird, durch die Kraft der menschlichen Beziehung, die es eben doch gab, trotz aller Alchemie, mit der zuvor nachgeholfen wurde sie herzustellen.

Im Grunde muss man sagen: es lohnt sich nicht, dieses Buch zu lesen. Schirrmacher füttert uns mit Zitaten und mit Ereignissen, deren umwälzende Kraft beschworen wird wie ein Mantra. Er argumentiert nicht, er vertraut darauf, dass das Trommelfeuer argumentativ nicht miteinander verbundener Einzelinformationen eine Suggestion der Unausweichlichkeit bewirkt. Insofern macht er sich selbst dessen schuldig, was er der auf der Spieltheorie basierenden digitalen Welt vorwirft: Zusammenhänge durch die große Zahl von Einzelinformationen zu ersetzen.

Es lohnt sich jedoch, sich mit dem Problem zu beschäftigen, das sich hinter Schirrmachers Katastrophenszenario verbirgt. Verschwörungstheorien sollte zwar man mit Vorsicht begegnen. Die Welt erweist sich in aller Regel als komplexer als diese Theorien annehmen. Graue Eminenzen und wahnsinnige Wissenschaftler verantwortlich zu machen, liest sich fast als Dokument der Hilflosigkeit angesichts der Anonymität der Mechanismen, die allem Anschein nach von uns Besitz ergreifen. Aber Schirrmacher hätte vielleicht besser einen Roman schreiben sollen, eine Art MOMO für Erwachsene – denn an Michael Endes MOMO fühlt man sich erinnert. Die grauen Herren, die von unserem Denken Besitz ergreifen, die uns bei unserer Gier nach Anerkennung, nach Profit, nach Effizienz packen und uns damit unsere Menschlichkeit nehmen. Nun fehlt erstens bei Schirrmacher die Hauptfigur, nämlich Momo, die aus eigentlich unerklärlichen Gründen gegen die Grauen Herren immun ist und darum die Welt von ihrer Herrschaft befreien kann. Zweitens habe ich auch mit Momo meine Probleme – überdeutlich-einseitig ist hier die Message, mit für Michael Ende ansonsten untypischem erhobenen Zeigefinger. Und so auch bei Schirrmacher. Aber wer sollte denn eigentlich für die Grauen Herren, oder, entsprechend, für die Spieltheorie, Partei ergreifen wollen? Ist sie nicht überdeutlich die gesichtslose Maske des Bösen? Die Einwände des Welt-Kritikers haben hier durchaus Gewicht: die Spieltheorie ist nicht böse. Sie appelliert an unser Bestreben zu gewinnen, doch der Hauptgewinn, so lehrt uns das Leben, ist ohnehin nur durch die schönste Niederlage zu erringen, die das Leben für uns bereithält…

Warnende Kritik wie die von Schirrmacher hat das Recht, einseitig zu sein. Sie muss nicht, wie Literatur, immer auch die andere Seite auf der Rechnung haben, denn sie eröffnet einen Diskurs, sie fordert und bekommt Repliken. Die bisherigen Repliken sind eher Reflexe – Reflexe der Rechtfertigung des in den Schmutz getretenen „freien“ Marktes oder aber des Einstimmens in einen letztlich undifferenzierten Warnschrei. Ist eine abwägende Beurteilung des Gespenstes, das Schirrmacher an die Wand malt, möglich? Ich will es versuchen. Ich gehe dafür von einem Schlüsselbegriff in Schirrmachers Buch aus, der Digitalisierung, und greife einen Aspekt heraus, der in der Rezension der Süddeutschen Zeitung ebenfalls zu Recht betont wird: die Reduktion der Welt auf ihren „Informationscharakter“ ist nicht allein, aber sicherlich auch  der Verwendung elektronischer Datenverarbeitung anzulasten. Die „Wissensgesellschaft“ folgt dem sentiero luminoso digitaler Datenbanken. Es dürfte zwar schwer sein,  einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen der exzessiven Verwendung von Computern und der Verschiebung schulischen und universitären Lernens zur „Wissensvermittlung“ nachzuweisen. Einleuchtender ist schon die immer weiter verbreitete Verknüpfung wissenschaftlicher Forschung auch in den Geisteswissenschaften mit Daten und ihrer großen Zahl – das Schlagwort der digital humanities hypnotisiert die Forscher. Nun ist diese Methode nicht nur überaus erfolgreich, sondern an sich auch nicht „böse“. Man muss wissen, und man kann aus charakteristischen Ansammlungen und Anhäufungen innerhalb des Datenmaterials durchaus Erkenntnisse gewinnen. Das „Digitale“ wurde nicht erst im Informationszeitalter erfunden – es war schon der treibende Motor der Aufklärung.

Ist Schirrmachers Warnschrei damit überflüssig?  Nein, aber Schirrmacher blendet die Alternative aus, die immer zur Verfügung steht, er blendet das kleine Mädchen Momo aus und die Kraft, die ihm ermöglicht, den grauen Herren Widerstand zu leisten. Und diese Kraft, die jeder von uns in sich trägt, relativiert dann auch Schirrmachers Apokalypse, seine Version vom Untergang des Abendlandes. Es ist mal wieder Zeit für eine Korrekturbewegung, wie gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als die Romantiker gegen die Totaldigitalisierung des Menschen durch die Aufklärung protestierten.  Der Mensch hat nämlich neben seiner digitalen Identität, die ihm die Logik seines Intellekts bereitstellt, auch noch eine analoge Identität, die ihn erstens befähigt, menschliche Beziehungen einzugehen, und die es ihm, zweitens, möglich macht, nicht nur zu wissen, sondern auch zu verstehen. Hegel, eigentlich kein Romantiker, wusste gegen die Totalisierung des Wissens und der Information bereits: Wer etwas weiß, hat es noch lange nicht verstanden. Verstehen heißt Verknüpfen, und zwar gerade nicht der großen Datenmengen, sondern der Beobachtungen, die ich selbst mache. Verstehen heißt Verknüpfen unter Einbeziehung meiner selbst als Beobachter. Dies ist auf der digitalen Ebene nicht möglich, der Computer kennt sich nicht als Beobachter, diesen Part müssen wir selbst spielen, doch wir scheuen uns davor, da das Verstandene keinen reinen Informationscharakter mehr hat, es ist von mir abhängig. Nicht in dem Sinne, dass es relativ auf meine Subjektivität ist, sondern dass ich das Verstandene zu verantworten habe, dass ich mich aus dieser Verknüpfung nicht mehr herausstehlen kann.  Die digitale Welt birgt die Verführung, Verantwortung aufzugeben, im Namen einer „Objektivität“, die jetzt überall das Wort führt, zum Beispiel im Begriff der Alternativlosigkeit.

Analoges Verknüpfen heißt Beziehungen herzustellen und damit immer zugleich Verantwortung zu übernehmen,  und das führt uns sofort hinaus aus der spieltheoretischen Egomanie. Wer beziehungsfähig ist, der ist immun gegen Amazon und Facebook, der bildet sich nicht ein, er habe viele Freunde, nur weil ihn im sozialen Netzwerk viele gebookmarkt haben. Der weiß zwar, dass er verführbar ist, er weiß aber auch, dass sich alle digitalen Verführungen letztlich als bloße Surrogate für die Erfüllung der einen wahrhaftigen Sehnsucht, der Sehnsucht nach Gemeinschaft mit dem anderen Menschen, erweisen. Und er weiß, dass er diesseits aller digital über ihn gesammelten Informationen lebt, dass Amazon an seine Seele, anders als der Teufel in Wilhelm Hauffs Das kalte Herz, nicht herankommt. Das lässt ihn gelassen einer nicht mehr so digitalen Zukunft entgegensehen, einer Zukunft, in der der Mensch zum Dialog zurückfindet, zum Dialog nicht nur mit dem anderen Menschen, sondern auch mit der Natur, die zu ihm spricht, wenn er sie nicht digitalisiert, auch mit der Geschichte, deren innere Zusammenhänge sich in der Digitalisierung verflüchtigen, und mit der Kunst, der radikalsten Negation des Digitalen, die die menschliche Kultur hervorgebracht hat.

Bevor wir uns nun aber in Abscheu vom Digitalen abwenden und unserer analogen Seite ein Exklusivrecht an unserer Kultur zubilligen, sei bedacht, dass ohne „Digitalität“ keine Logik, mithin keine rationale Erkenntnis und eben damit auch kein Wissen möglich sind. Wissen und Verstehen ringen in uns miteinander, einen goldenen Mittelweg scheint es zwischen ihnen nicht zu geben, doch gottlob besteht auch nicht die Gefahr,  dass das eine zugunsten des anderen ganz verschwindet. Also: ja zur Kurskorrektur, vor allem in der Pädagogik, denn mit Wissen ohne Verstehen erreicht man Kinder und Jugendliche nicht nur nicht, man leistet mit „Wissensvermittlung“ auch keinen Beitrag zur Entwicklung jener verantwortlichen Selbstbestimmung, die man Persönlichkeit nennt. Korrekturen auch in der Politik, die in der „gesunden Ökonomie“ allzu ausschließlich das Wohl der Bürger sieht, die ihr aber keineswegs „alternativlos“ ausgeliefert ist. Nein aber zur Apokalyptik und zur Verschwörungstheorie, denn der Eigennutz gehört zwar mit zu unserem Wesen, definiert es aber nicht. Der Mensch ist wie der Orang Utan und der Delphin ein soziales, empathiefähiges Wesen, und die spieltheoretische Fiktion wird uns mitnichten dieser evolutionär tief eingewurzelten Komponente unseres Daseins berauben.


1. Cornelius Tittel: Die Monster des Doktor Frank Schirrmacher, abrufbar unter http://www.welt.de/kultur/article113687605/Die-Monster-des-Doktor-Frank-Schirrmacher.html (Stand: 19.02.2013).

2. Andreas Zielcke: Vom Sieg eines inhumanen Modells , abrufbar unter http://www.sueddeutsche.de/kultur/frank-schirrmachers-ego-das-spiel-des-lebens-vom-sieg-eines-inhumanen-modells-1.1601727 (Stand: 19.02.2013).


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2 Kommentare auf "Rezension zu Frank Schirrmachers „Ego – Das Spiel des Lebens“"

  1. basche sagt:

    Das Thema „Weltuntergang der schriftlichten Kultur“ wird gerade überall diskutiert, selbst im letzten „James Bond“ haben die Autoren dazu Stellung bezugen, indem man sich für den Schritt „back to the beginning“ ausgesprochen hat, und M die Entwicklung der Gesellschaft mit einem Zitat von Tennyson kommentier:

    Though much is taken, much abides; and though
    We are not now that strength which in old days
    Moved earth and heaven; that which we are, we are;
    One equal temper of heroic hearts,
    Made weak by time and fate, but strong in will /
    To strive, to seek, to find, and not to yield.

    Filme spiegeln die Bedürfnisse der Zuschauer, so vor allem die James-Bond-Reihe, die immerzu das aktuelle gesellschaftliche Problem, den „Feind“ zu erfassen und zu fassen versucht.
    Das Thema, das Problem ist aktuell. Ich finde die von Prof. Freise dargestellte Alternative sehr interessant, eine Antwort.
    Es wird Zeit für eine aktive Gegenwelle.

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