Votum für eine strukturale dialogische Hermeneutik: Interpretation ist wissenschaftlich legitimierbar!

7. Oktober 2013 | Von | Kategorie: Literaturwissenschaft

Die Interpretation von Texten ist das Herzstück der Literaturwissenschaft. Doch hat sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts die Auffassung etabliert, dass eine Begründung der Wissenschaftlichkeit von Textinterpretation unmöglich sei: So wird vom „Dilemma Interpretation“ gesprochen, interpretierende Literaturwissenschaftler werden als „Scharlatane, Zyniker oder Dummköpfe“ (Hauptmeier H, Schmidt S.J.: Einführung in die empirische Literaturwissenschaft. Braunschweig/Wiesbaden, 1985) verunglimpft und Einführungen in die Literaturwissenschaft können sogar generell bestreiten, „dass es so etwas wie das Verstehen eines Textes überhaupt gebe“ (Geisenhanslüke, Achim: Einführung in die Literaturtheorie. Von der Hermeneutik zur Medienwissenschaft. 3. Auflage. Darmstadt: WGB, 2004.).

Die Hermeneutik als für die Begründung von Textinterpretation primär zuständige Disziplin wird entsprechend entweder abgelehnt oder aber, ausgehend von den naturwissenschaftlichen Paradigmen verschworenen Sozialwissenschaften, neu konzipiert (so die Umwandlung der sog. „Objektiven Hermeneutik“ in ein Instrument der Literaturwissenschaft durch Andreas Wernet, Peter Tepe u.a.). Charakteristisch ist für diese neue Hermeneutik jedoch die Eliminierung des verstehenden Subjekts, denn nur unter Aufgabe des Subjekts meint man die Wissenschaftlichkeit der Erkenntnis sichern zu können. Hiermit aber wird gerade das Verstehen und Interpretieren des Textes erneut preisgegeben.

Die Theoriegeschichte des 20. Jahrhunderts bietet in den meisten Philologien heute vergessene Möglichkeiten, aus der Krise der Interpretation herauszuführen. Hier ist meines Erachtens gegenwärtig speziell die Slavistik gefragt, denn sie hat aufgrund der traditionell starken fachgeschichtlichen Verankerung von Formalismus und Strukturalismus einerseits und der Hermeneutik andererseits vielleicht am ehesten ein Bewusstsein für die Begründbarkeit und Möglichkeit wissenschaftshistorischer Absicherung der Methoden des Analysierens und Interpretierens. Hermeneutische Ansätze und die strukturalistische Semiotik, die sich auch in der Slavistik gerne in feindliche Lager voneinander abgrenzen, können in einer Zusammenführung eine wissenschaftliche Legitimation von Interpretation leisten, die ihnen, jeweils für sich genommen, durchaus begründet abgestritten wurde und werden kann.

Die Hermeneutik klärt die Anteile, die das interpretierende Subjekt in den Erkenntnisvorgang einbringt, die strukturalistische Semiotik vermag die Verankerung der Interpretation im Erkenntnisobjekt aufzuzeigen. In der Zusammenführung von Ansätzen beider Richtungen wird die Textinterpretation als Texterkenntnis fassbar, die Dialogizität auszeichnet, verstanden als Interaktion von Objekt und Subjekt auf einer dritten, ihnen vor- oder übergeordneten Ebene, der Ebene des Verstehens. Der Verzicht auf die Betätigung dieses Erkenntnismodus bedeutet den Verzicht auf Kommunikation, deren Teil jeder Text als Text ist. Das anthropologische Spezifikum menschlicher Kommuniaktion, die Verstehen ist, wird zusammen mit dem Herzstück der Literaturwissenschaft aufgegeben, wenn die Textinterpretation aufgegeben wird. Die Verstehbarkeit eines hochgradig individuellen Gegenstandes, wie es ein literarischer Text ist, wird durch den Ansatz einer strukturalen Hermeneutik möglich, welche die Person des Erkenntnissubjekts als unhintergehbar begreift und diese doch im Akt des Verstehens am Objekt transzendiert.

Das dialogische Denken als Basis der strukturalen Hermeneutik harrt seiner wissenschafts- und erkenntnistheoretischen philosophischen Grundlegung, die strukturale Hermeneutik einer zeitgemäßen Ausarbeitung, welche das Gefecht nicht nur mit den offenkundigen echten Feinden, sondern auch den falschen Freunden („Kognitiver“ oder „objektiver“ literaturwissenschaftlicher Heremeneutik“) besteht. Möge dieser Blog ein Forum auch für diesen Kampfplatz werden.

Eine wissenschaftliche Ausarbeitung dieses Statements finden Sie unter:

Henrieke Stahl: Interpretation als Dialog. Votum für eine strukturale Hermeneutik. // Concidentia. Zeitschrift für Europäische Geistesgeschichte. Beiheft 2: Bildung und Fragendes Denken, herausgegeben von Harald Schwaetzer. Bernkastel-Kues 2013. S.117-137.

Prof. Dr. Henrieke Stahl, Fachbereich II: Slavistik, Universität Trier.


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