Rezension zu: Borwin Bandelow, Wer hat Angst vorm bösen Mann?

8. Oktober 2013 | Von | Kategorie: Rezensionen

Borwin Bandelow: Wer hat Angst vorm bösen Mann? Warum uns Täter faszinieren, Reinbeck 2013

Ein Göttinger Psychologieprofessor hat endlich die Antwort auf die alte Frage gefunden, was Serienmörder antreibt und auch Entführer von kleinen Mädchen, um sie jahrelang zu vergewaltigen und zu quälen. Es ist nichts anderes als der Mangel an Endorphinen, den opiumähnlichen Rauschmitteln, die der Körper selbst produziert, um sich zu belohnen. Besonders hohe Ausschüttungen von Endorphinen finden z.B. bei Frauen nach der Geburt eines Kindes und bei so genannten Nahtod-Erlebnissen statt. Prof. Bandelow stellt in seinem Buch fest, dass der Mensch mit der Ausschüttung von Endorphinen über einen Mechanismus verfügt, mit dem er für sein Tun chemisch belohnt wird. Dieser Mechanismus steuert sein Verhalten. Das höchste Ziel des Menschen ist darum, an hohe Ausschüttungen von Endorphinen zu gelangen. Bei manchen Menschen ist nun aber die Produktion von Endorphinen oder ihre Sensibilität für sie stark herabgesetzt, und darum gibt es für sie keine Glücksgefühle. Die unmittelbare Folge davon ist, dass der betreffende Mensch ständig schlechter Laune ist. Doch nicht nur das. Er sucht außerdem verzweifelt nach Möglichkeiten, trotzdem Glücksgefühle zu erlangen. Er findet sie schließlich, indem er bestialische Morde verübt oder aber kleine Mädchen missbraucht und quält.

Der Göttinger Professor hat mit dieser, wie er selbst zugibt, überraschend einfachen Erkenntnis zugleich eine Frage beantwortet, die er gar nicht gestellt hat: warum sind Serienkiller und Serienvergewaltiger eigentlich überwiegend Männer? Jetzt ist uns klar – Frauen, die unter Endorphinmangel leiden, haben ja die Möglichkeit, viele Kinder zu bekommen und sich die hohen Endorphinausschüttungen auf diesem Wege zu besorgen. Man könnte also untersuchen, ob kinderreiche Frauen vielleicht denselben Endorphinmangel aufweisen wie Serienkiller. Interessant wäre auch die Frage, ob die niedrige Geburtenrate in Deutschland und Italien nicht auf eine zu hohe Endorphinsensibilität der Frauen in diesen Ländern zurückzuführen ist. Sie brauchen den zusätzlichen Kick der geburtlichen Endorphinausschüttung einfach nicht. Umgekehrt müsste es in Ländern mit einer hohen Geburtenrate auch einen hohen Anteil an Serienkillern und Kindesvergewaltigern geben. Da auch Nahtoderlebnisse hohe Endorphinausschüttungen bewirken, wäre allerdings zu fragen, warum die menschlichen Ungeheuer, die Bandelow beschrieben, besucht und interviewt hat, ihr Ziel nicht auf diesem Wege versucht haben zu erreichen. Das hätte ihren Opfern einiges erspart.

Scherz beiseite – Professor Bandelow kann die wichtigste Frage, die er in seinem Buch aufwirft, nicht beantworten. Ist die zu geringe Ausschüttung von Endorphinen oder die mangelnde Sensibilität für sie ein medizinisch diagnostizierbarer Defekt? Oder ist er vielleicht die Folge sozialer Probleme? Warum macht der Mangel an körpereigenen Morphinen einige Menschen zu Serienmördern und Entführern und nicht einfach, wie zu erwarten wäre, zu Drogenkonsumenten? Bandelow erörtert in seinem Buch auch, inwieweit schwere Sexualverbrechen durch Schädigungen des unteren Frontalhirns erklärbar sind. Das untere Frontalhirn ist für das Sozialverhalten und das affektive Leben des Menschen verantwortlich. Dies mag in Einzelfällen so sein, doch im Versuch der Verallgemeinerung wird die Strategie des Buches deutlich. Das 19. Jahrhundert hatte den Menschen unter Verweis auf sein soziales Umfeld von der Verantwortung für sein Tun freigesprochen. Dagegen war Fedor Dostojewskij Sturm gelaufen. Im 21. Jahrhundert setzen Wissenschaftler wie Bandelow offensichtlich auf eine biologisch-medizinische Strategie, dem Menschen die Bürde der Verantwortung für sein Tun zu nehmen. Verantwortung ist eine kulturelle Errungenschaft des Menschen, die ihm durchaus wieder verloren gehen kann.

Bandelows Menschenbild bringt somit das Zwei-Phasen-Modell der Menschheitsgeschichte zur Vollendung, das Dostojewskij in seinem Roman Die Dämonen entworfen hat: Die erste Phase besteht aus dem langen und beschwerlichen Weg vom Affen zum Menschen, die zweite Phase aus dem durch Opiate versüßten Weg vom Menschen zurück zum Affen. Hatten wir bisher angenommen, Dostojewskij habe mit diesem Modell die Barbareien des 20. Jahrhunderts mit seinen Kriegen und Massenmorden vorausgesehen, so ahnen wir jetzt: Mit Krieg und Massenvernichtung war der Weg der Menschheit zurück zum Affen, ihre eigentümlich spiegelverkehrte Eschatologie, noch gar nicht abgeschlossen. Massenmord und Barbarei sind für Affen noch viel zu intellektuell. Affen tun so etwas nicht. Wahrscheinlich war das 20. Jahrhundert nur ein Zwischenschritt auf dem Weg in eine Gesellschaft ohne jede moralische Skrupel, wie sie der polnische Schriftsteller Stanisław Ignacy Witkiewicz in Nienasycenie (Unersättlichkeit) beschrieben hat. Die Endorphine heißen dort Murti-Bing-Pillen.

Im Grunde ersetzt Professor Bandelow lediglich die alte Vorstellung von „Trieben“, die den Menschen beherrschen, durch ein Modell endogener Morphine, nach denen wir süchtig sind. Dadurch wird zwar der „Motor“ unserer Triebhaftigkeit benannt, die alten Probleme eines solchen Modells vom Menschen werden jedoch nicht gelöst. Zwar kann der Mensch sich durchaus von der Natur, von der Umwelt, von der anonymen Macht der Biochemie in seinem Körper determinieren lassen. Doch er ist die einzige – jedenfalls uns bekannte – Spezies, die noch eine zweite Option hat. Er kann sich, wie man es nennt, menschlich verhalten. Oder war Janusz Korczak, als er die Kinder seines Waisenhauses bis in den Tod begleitete, süchtig nach einem Nahtoderlebnis? Was ist mit dem Endorphinhaushalt von Menschen, die, wie zölibatär lebende Geistliche, auf ein aktives Sexualleben verzichten? Bandelows Modell suggeriert, sie seien gefährlich, weil sie chronisch unter Endorphinmangel leiden und andere Wege finden müssten, das körpereigene Opium zu stimulieren, oder aber sie seien zumindest ständig schlechter Laune. Beides ist ganz offensichtlich falsch.

Das zweite Thema in Bandelows Buch ist die Faszination, die von besonders bestialischen oder besonders raffinierten Sexualverbrechern ausgeht, bis hin zur Identifikation der Opfer mit ihren Peinigern. Nun mag die Identifikation der Opfer mit den Tätern, wie von Bandelow beschrieben, ein Schutzmechanismus sein, der das Überleben in Grenzsituationen möglich machen soll. Hier trägt Bandelow zur Entlastung der oft wegen ihrer menschlichen Nähe zu den Tätern angefeindeten Opfer bei, und das ist gut so. Bandelow sorgt aber mit seinem Buch zugleich dafür, dass den Tätern ganz fernstehende Personen eine Faszination für die beschriebenen und interviewten Verbrecher entwickeln, ja in seinem Buch ist bei ihm selbst eine solche Faszination spürbar. Er ist erkennbar stolz und dankbar, dass sie offen mit ihm sprechen, er erliegt ihrem Charme, und er bewundert ihre Intelligenz. Hier wird eine Star-Fan-Konstellation sichtbar, die von einem gewissen Mangel an seelischer Reife zeugt. Das wäre an sich nicht weiter schlimm. Es wird aber bei einem Psychologen, der mit gesellschaftlich derart sensiblen Themen umgeht, zum Problem.

Matthias Freise, Göttingen

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