„Dialog des Einverständnisses“ als Bachtins neorhetorisches Projekt

23. Oktober 2013 | Von | Kategorie: Dialog, Literaturwissenschaft, Philosophie

Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt. 18, 19-20)

In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kam in Russland wie auch außerhalb eine gewisse „Mode auf Bachtin“ auf. Doch sowohl die Mode als auch ihre rigorose Ablehnung verstellen den Blick auf die tatsächliche Bedeutung Bachtins für die geistige Situation unserer Zeit. Und gerade in der Ära der Globalisierung, wenn das Nichtvermögen sich zu verständigen die Gefahr der Auslöschung der gesamten Menschheit bedeuten kann, erscheint Bachtins „Dialogizität“ in einem neuen Licht – als hochaktuelle Intention des geisteswissenschaftlichen Denkens. Ich kann Michail Ėpštein nur zustimmen, wenn er sagt, dass Geisteswissenschaften in ihrer positiven Perspektive „nicht mehr damit spekulieren, was am Anfang war, sondern fähig sein werden, diese Anfänge selbst anzulegen, […] schließen die Geschichte nicht mehr ab […], sondern bringen neue, in der Geschichte noch nicht verwirklichte Möglichkeiten der Vernunft zur Entwicklung“.*1

Eine logische Reaktion auf die Krisensituation der Postmoderne ist der Wechsel von der in Misskredit geratenen Rhetorik des „verbalen Zwangs“ zu der Rhetorik des Verhandlungsprozesses.*2 Ein Verhandlungsprozess ist eine nicht-imperative resultierende Kommunikation, deren Funktion darin besteht, eine bestimmte Situation, Position oder Sachlage, soziales Verhalten, soziale Institutionen, soziale Politik usw. konstruktiv zu verändern. Dabei sind gescheiterte Verhandlungen nicht weniger resultativ als erfolgreiche, denn das Ausbleiben der zu erwartenden Veränderungen ist an sich auch ein Resultat, während viele andere kommunikative Situationen (Protokollgespräch, rituelle Aufrechterhaltung zwischenmenschlicher Beziehungen, freier Meinungsaustausch usw.) nicht resultierend sind.

Unsere Zeit ist reich an kommunikativen Situationen, in denen die Beziehung zwischen den Teilnehmern des Verhandlungsprozesses nicht hierarchisch begründet ist. Strategien des Bittens und Forderns sind in solchen Situationen nicht effektiv, doch andere Möglichkeiten, das erwünschte Resultat zu erzielen, sind vielen Kommunikanten fremd.

Als nicht-autoritäre und nicht-hierarchische Strategien der resultierenden Kommunikation sind der Weg des Kompromisses (Strategie der Toleranz) und des Dialogs des Einverständnisses (konvergente Strategie) zu nennen.

Bei einem Kompromiss verzichten beide Seiten auf einen Teil ihrer Forderungen, wie es bei Preisabsprachen zwischen Käufer und Verkäufer der Fall ist. In komplexeren kommunikativen Situationen jedoch, die durch eine nicht-alternative, konzeptionell vielfältige dialogische Mehrstimmigkeit charakterisiert sind, ist der Weg des Kompromisses nicht realisierbar. Dies sind allerdings die meisten Situationen im Bereich der sozialen Interaktion.

Um die dialogische Mehrstimmigkeit zu überwinden, gibt es oft keinen Mittelweg, keine Kompromisslösung. Eine andere, dritte Lösung muss hier gefunden werden, die einen Konvergenzpunkt darstellt, ein Resultat der wechselseitigen Komplementarität (nicht beiderseitiger Konzessionen) von unterschiedlichen Interessen. Das ist der Ausgangspunkt des kommunikativen Projekts des „dialogischen Einverständnisses“, zu dessen bekanntesten Vertretern Michail Bachtin gehört.

Vor allem möchte ich herausstellen, dass Bachtin der vereinfachenden Vorstellung von Kommunikation, nach der ein Sender einem Empfänger eine bestimmte Information mitteilt, das Konzept von Kommunikation als einem komplexen kommunikativen Akt entgegensetzt: „In Wirklichkeit ist jede Kommunikation eine Antwort auf etwas, und sie rechnet auch mit einer Antwort (zumindest mit antwortendem Verstehen)“ (5, 255).*3 „Der Sprechende ist kein Adam, daher wird selbst das Objekt seiner Rede zum Schauplatz der Begegnung von Meinungen […], Gesichtspunkten, Weltanschauungen“ (5, 199), folglich erscheint auch Kommunikation als „komplexes Ereignis einer Begegnung und Wechselwirkung mit einem fremden Wort“ (EST, 349). Das Zustandekommen der Kommunikation erfordert einen Text, der „nur lebt, indem er andere Texte (Kontexte) berührt […] Hinter diesem Kontakt steckt der zwischenmenschliche.“ (EST, 364)

Der Weg zur „Überwindung vereinfachter Vorstellungen über das Leben der Sprache […], über Kommunikation“ führt nach Bachtin über die Feststellung, dass „sich die kommunikative Funktion der Sprache gerade in der Aussage kundtut“ (5, 244) – diese letztere aufgefasst als adressiertes thematisch-sinnhaftes Ganzes – und nicht im Satz als „grammatisch organisierter Einheit der Kommunikation“.*4 Im Unterschied zur Information, die durch den Satz transportiert wird, „ergibt sich das thematisch-sinnhafte Moment [einer ganzen Aussage – V.T.] nicht aus der Summe der bedeutungstragenden sprachlichen Einheiten, die sie bilden“. Vielmehr besteht es „in ihrer [der sprachlicher Elemente – Anm.d.Ü.] Verwendung zum Zwecke der (erkennenden, künstlerischen, tätigen) Erfassung neuer Wirklichkeitsmomente“ (5, 281). Nicht die grammatisch organisierte Mitteilung, sondern nur der kommunikative Aussageakt „kann wahr oder falsch, schön oder abstoßend, gut oder böse sein“ (ibid.). /…/

Weil nach Bachtin weder der Sprecher noch der Zuhörer „in ihrer eigenen Welt bleiben; im Gegenteil, sie kommen in einer neuen, dritten Welt zusammen, der Welt der Kommunikation“, bedeutet Kommunikation nicht einfach Kommunizieren, sondern Teilhaben der Kommunikationspartner an der „objektiven Subjektivität“ (5, 244), also am intersubjektiven werterfüllten Ganzen der Kultur.

In der Zeit, als Bachtin an seinem Aufsatz „Probleme der Sprachgenres“ arbeitete, wurden im englisch- und französischsprachigen Kulturraum Versuche einer Wiederbelebung der Rhetorik unternommen. Benjamin Whorf publizierte 1952 seine Aufsatzsammlung zur „Metalinguistik“.*5 Bachtin nutzte diesen Begriff, indem er ihn mit seiner eigenen wissenschaftlichen Intention unterlegte, im Aufsatz „Das Problem des Textes“ zur Kennzeichnung der Problemfelder der „dialogischen Beziehungen“, des „autoritativen Wortes“, des „fremden Wortes“, des „Schweigens“ usw. Später verwendete er ihn auch in der 2. Redaktion seiner Monographie über Dostoevskijs Romane, wo er „dialogische Beziehungen (darunter auch die dialogische Beziehung des Sprechenden zu seinem eigenen Wort)“ (6, 204) als Gegenstand der Metalinguistik definierte.

Bachtins Metalinguistik geht „über die Grenzen der Linguistik“ hinaus, weil sich ihre Fragen „an der Grenze“ bewegen und „im höheren Maße einen philosophischen Charakter erlangen“ (5, 294). Auf diese Weise grenzt sich Bachtin nicht nur von der Linguistik in der Tradition de Saussures ab, sondern auch von dem imperativen Aufsatz Stalins Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft: „Stalins Sprachbegriff bezieht sich auf die Sprache als System, zumal ein normatives, das mit lebendiger Kommunikation nichts gemein hat“ (5, 272). Die neue Rhetorik hingegen habe mit einem neuen, „vielsprachigen Bewusstsein“ („vielsprachig“ im breiteren – semiotischen – Sinne als die Beherrschung mehrerer Sprachen) zu tun, für welches „die Sprache generell eine neue Qualität annimmt, zu etwas ganz anderem wird, als noch für das taube, einsprachige [normative – V.T.] Bewusststein“ (5, 157).

Erste Annäherungen an die metalinguistische Problematik finden wir schon in den Arbeiten des „Bachtinschen Zirkels“ der 20er Jahre, wo es hieß, dass „das Wort Ausdruck und Produkt der sozialen Interaktion von drei Instanzen ist: des Sprechenden (des Autors), des Hörenden (des Lesers) und dessen, von wem (oder wovon) gesprochen wird (des Helden)“.*6 Diese Triade geht offensichtlich auf Aristoteles zurück, der im kommunikativen Ereignis „den Redner selbst“, „den Gegenstand, von dem er spricht“ und „die Person, zu der er spricht“ unterschied.*7 Renate Lachmann stellte richtig fest, dass Bachtins geistige Suche „eng mit der rhetorischen Tradition verbunden, mehr noch, von ihr durchdrungen ist“.*8

Der Begriff „kommunikative Strategie“ wird von Bachtin zwar nicht verwendet, doch den strategischen Charakter des kommunikativen Prozesses implizieren unter anderem folgende Ausführungen: „Wenn wir unsere Rede aufbauen, schwebt uns immer das Ganze unserer Äußerung vor. […] Wir reihen die Worte nicht aneinander, gehen nicht von einem Wort zum nächsten, sondern wir füllen gleichsam das Ganze mit den richtigen Worten aus“ (5, 191). Das Problemfeld der Vielfalt solcher Strategien finden wir in Bachtins Arbeiten perspektivisch umrissen. In dieser Hinsicht kann Bachtins Werk als eine originelle Version der neuen Rhetorik neben den Diskurskonzepten von Foucault, Pêcheux, Van Dijk u.a. angesehen werden.

Die Neorhetorik, diese einflussreiche wissenschaftliche Tendenz unserer Zeit, basiert auf dem Gedanken Nietzsches, dass es keine nicht-rhetorische Sprache gibt. Ausgehend von dem rhetorischen Wesen der Sprache setzt sie mit Wittgenstein die Grenzen der menschlichen Existenz mit den Grenzen der Sprache gleich. Bachtin expliziert seine eigentlich ähnliche Sprachauffassung etwas anders – vom Standpunkt des philosophischen Dialogismus her. Der „soziale Mensch“, der immer ein „sprechender Mensch“ ist, habe es nicht mit der Sprache als einer regulativen Norm zu tun, sondern mit einer Vielzahl an diskursiven Praktiken, die alle zusammen die dynamische sprachliche Kultur einer Gesellschaft ausmachen.

Der Begriff des Dialogs ist in der modernen Kultur, die von agonalen, eristischen, dekonstruktivistischen Tendenzen dominiert wird, eng verbunden mit der Vorstellung von Streit, Diskussion und Disput. Nach Bachtin jedoch stellt gerade das Einverständnis „die wichtigste dialogische Kategorie“ (5, 364) dar. Bei all seiner Abneigung gegenüber hierarchischen Beziehungen stellt Bachtin hier eine offensichtliche Hierarchie auf.

Die „dialogische Nullbeziehung“ wird in dieser Hierarchie durch den komischen Dialog der Tauben repräsentiert, „wo ein dialogischer Kontakt gegeben ist, es aber zu keinem semantischen Kontakt zwischen den Äußerungen kommt“ (5, 336).

Die niedrigste Stufe auf der Leiter zur höchsten dialogischen Beziehung nimmt das „Nicht-Einverständnis“ (несогласие) ein, das als „arm und unproduktiv“ beschrieben wird (5, 364), „Streit, Polemik, Parodie“ als die „äußerlich offensichtlichsten, jedoch groben Formen der Dialogizität“ (5, 332).

Die nächste Stufe gehört dem „Vertrauen dem fremden Wort gegenüber, seiner ehrerbietigen Wahrnehmung“, der „schülerischen Einstellung“.

Eine Ebene über diesen Extremen der Akzeptanz oder Nicht-Akzeptanz des fremden Wortes ist die „Vielstimmigkeit (разногласие); eigentlich tendiert sie zum Einverständnis, in welchem die Verschiedenheit und Unverschmelzbarkeit der Stimmen immer erhalten bleibt“ (5, 364).

Auf der höchsten Stufe der Dialogizität schließlich entfalten sich „der Reichtum und die Vielfalt der Formen und Nuancen des Einverständnisses (согласие)“, das „seinem Wesen nach frei ist“, denn „hinter ihm sind die immer überwindbare Distanz und die Annäherung (jedoch keine Veschmelzung)“ (5, 364). Unter den „unendlichen Gradationen und Abstufungen“ des dialogischen Einverständnisses nennt Bachtin „Überlagerung verschiedener Sinnelemente“, „Steigerung durch Vereinigung (jedoch nicht Gleichsetzung), Verbindung mehrerer Stimmen (Stimmenkorridor), ergänzendes Verstehen“ (5, 332).

Dabei drückt die Formulierung „Annäherung (jedoch keine Veschmelzung)“ den Gedanken Bachtins präziser aus, als „Vereinigung (jedoch nicht Gleichsetzung)“. Denn, wie es an einer anderen Stelle heißt, „polyphones Einverständnis lässt die Stimme nicht verschmelzen, es ist keine Identität, kein mechanisches Echo“ (6, 302). Insbesondere „in der Welt Dostoevskijs behält auch das Einverständnis seinen dialogischen Charakter, d.h. es bewirkt niemals eine Verschmelzung der Stimmen und Wahrheiten zu einer einheitlichen unpersönlichen Wahrheit, wie es im monologischen Roman geschieht“ (6, 108). …

Somit ist die „Dialogische Beziehung des Einverständnisses“ (5, 336) für Bachtin „das letzte Ziel aller Dialogizität“ (5, 364). Im Rahmen der Begriffswelt Bachtins kann dies auf dreifache Weise verstanden werden.

Zum einen wird ein „minimales Einverständnis“ als „notwendige Bedingung des Dialogs“ gedacht und stellt daher in Wirklichkeit „eine (regulative) Idee“ jeder Kommunikation dar (5, 364). Wie ein anderer Dialogforscher, Eugen Rosenstock-Huessy, es ausdrückte, „kein einziger Bruchstück keines Dialogs auf der Welt hat Sinn, wenn er nicht als Variation von etwas Gemeinsamem, was der Sprechende mit seinen Zuhörern teilt, wahrgenommen wird“.*9

Zum anderen ist die Perspektive eines „freien Einverständnisses im Höheren (‚das goldene Zeitalter’, ‚das Reich Gottes’ usw.)“ (5, 353) vom Standpunkt der bachtinschen Dostoevskij-Interpretation die Perspektive der „Ewigkeit“ (2, 156), während Streitigkeiten immer situationsgebunden und zeitlich sind.

Zum dritten sind „Eigenständigkeit, Freiheit und Gleichberechtigung schwieriger zu realisieren im Einverständnis, als im Streit“. Genau deswegen „fürchtet sich der Teufel vor dem Einverständnis (sich dem Chor anzuschließen) wie vor dem Verlust seiner Individualität“ (6, 302).

Um das Konzept des Einverständnisses als der höchsten Form der dialogischen Beziehung zu verstehen, muss man sich klar machen, was Bachtin unter „Dialogizität“ verstand, die „breiter als der Dialog“ sei (5, 361), also auch den Monolog mit einschließt. Wie S. Brojtman überzeugend zeigte, sind Monolog und Dialog für Bachtin nicht Glieder einer dialektischen Antinomie, sondern äußerste Erscheinungen eines bestimmten „Spektrums dialogischer Beziehungen“.*10

Die monologische Rede gehört in den Bereich der Dialogizität, erstens, in dem Sinne, dass „auch zwischen zutiefst monologischen sprachlichen Produkten immer dialogische Beziehungen existieren“ (5, 336). Zweitens, existieren solche Beziehungen nicht nur zwischen Äußerungen, sondern sie „durchdringen einzelne Äußerungen auch von innen her“ (5, 321). Andererseits zeigt sich das Monologische nach Bachtin häufig auch in kompositionellen Formen dialogischer Rede.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu verstehen, dass bachtinsche Begriffe des „Monologismus“ und der „Dialogizität“, anders als linguistisch-philologische Kategorien des Monologs und des Dialogs, zur Metalinguistik (Neorhetorik) gehören, denn „dialogische Beziehungen […] sind viel mehr, als dialogische Rede“ (5, 336). Indem Bachtin „Monologismus“ als „Verweigerung des letzten Wortes gegenüber dem Anderen“ deutet (5, 362) und nicht einzelne Repliken, sondern „Stimmen als Einheiten des Dialogs“ definiert (5, 361), wobei Dialog auch innerhalb eines Wortes stattfinden kann,*11 macht er deutlich, dass es hier um zwischenmenschliche, intersubjektive Beziehungen zwischen Trägern der Bewusstseine geht, die sich im Kommunikationsverhalten ihrer Träger manifestieren.

Aus dieser Perspektive erscheint „Dialogizität“ als Charakteristikum genuin menschlicher, humanisierter Beziehungen zwischen Menschen. Denn Bachtin denkt die Einheit der Menschheit „nicht als naturgegebenes Einssein, sondern als dialogisches Einverständnis von zwei oder mehreren Unverschmelzbaren“ (5, 346). Deswegen heißt es: „es ist nicht möglich, des inneren Menschen habhaft zu werden, ihn zu erblicken und zu verstehen, wenn man ihn zum Objekt einer indifferenten neutralen Analyse macht. […] Nur durch Kommunikation, durch menschliche Interaktion wird der ‚Mensch im Menschen‘ greifbar – für Andere wie für einen selbst“ (2, 156).

„Monologismus“ hingegen, der nach dem Monopol auf das „letzte Wort“ trachtet, ignoriert die Menschlichkeit des Anderen, seine seelische Tiefe, und entzieht dem Objekt seiner Aussage den Status des inneren „Menschen im Menschen“. Bei der dialogischen Erscheinungsform des Monologismus ist es der Adressat, der diesen Status verliert. Doch auch der Monologist selbst bringt sich um die rein menschliche „Fähigkeit zur dialogischen Beziehung zu sich selbst“ (5, 332).

Der Monologismus stellt sich für Bachtin also als eine Perversion der wahrhaft menschlichen Beziehung dar, die den zwischenmenschlichen Gehalt der Kommunikation unterdrückt und diese auf eine rein funktionale, rollenbestimmte Form beschränkt. Denn in einer lebendigen, echten Kommunikation hat nicht nur der Sprecher die Rechte an seinem Wort, sondern auch seine Zuhörer wie auch die, deren Stimmen im Wort des Autors mitschwingen (5, 332). Wenn jedoch das soziale Subjekt als offiziell-funktionale Rolle aufgefasst wird, ist das „Wortrecht“ streng reglementiert.

Nun wird auch die stark ablehnende Haltung Bachtins gegenüber jeder negativen Einstellung, Streit und Uneinigkeit verständlich. In der Situation des informellen Streits sind die Gesprächspartner zwar gleichberechtigt, was auch den dialogischen Charakter dieser Situation ausmacht („grobe Form der Dialogizität“), doch das Abweisen des fremden Gedanken neigt zum Monologismus, denn es verweigert dem Gedanken des Anderen das „Wortrecht“.

Die bisherigen Ausführungen machen deutlich, dass das „polyphone Einverständnis“ (6, 302) als „regulative Idee“ (5, 364) eins der grundlegenden Konzepte bachtinschen Denkens ist. Wir versuchen nun den Stellenwert dieses Konzepts im heutigen wissenschaftlichen Kontext zu bestimmen.

Bachtins dialogisches Einverständnis stellt im Grunde eine bestimmte diskursive Formation dar, in der das Objekt, das Subjekt und der Adressat einer Aussage positioniert werden. Das kommunikative Objekt zu positionieren heißt, es einem bestimmten rhetorischen Weltbild zuzuordnen. Strategisch wichtig für das dialogische Einverständnis ist dabei, dass Kommunikationspartner sich nicht dem „Rollen-“, dem „imperativen“ oder dem „akzidentellen“ Weltbild zuwenden (nach der Begrifflichkeit von Chaïm Perelman), sondern dem Wahrscheinlichkeitsweltbild, das „die Welt als Ereignis darstellt (und nicht als das Dasein in seiner Abgeschlossenheit)“ (EST, 364). Das ist kein relativistisches Weltbild, es verfügt auch über einen Wahrheitsbegriff, doch diese Wahrheit „verlangt nach einer Vielheit an Bewusstseinen, sie kann prinzipiell nicht von einem einzigen Bewusstsein aufgenommen werden […] und wird hervorgebracht an der Schnittstelle mehrerer Bewusstseine“ (6, 92).

Die Positionierung des Subjekts der Kommunikation kann als Entscheidung des Sprechers (oder Schreibers) für eine bestimmte rhetorische Form der Autorschaft beschrieben werden. Das dialogische Einverständnis fordert vom Initiator des kommunikativen Ereignisses in diesem Fall die Selbstobjektivierung der eigenen Subjektivität: „Indem ich mich selbst objektiviere (d.h. mich nach außen kehre), erhalte ich die Möglichkeit einer echten dialogischen Beziehung zu mir selbst“ (5, 332).

Schließlich bedeutet die Positionierung des Adressaten im dialogischen Einverständnis solidarische Komplementarität des rezeptiven, sinnerschließenden und des kreativen, texterzeugenden Bewusstseins. Die kommunikative Intention der Solidarität basiert auf der gegenseitigen Verantwortlichkeit der kommunizierenden Bewusstseine und erfordert „ergänzendes Verstehen“ (5, 332).

Es ist offensichtlich, dass die konvergente diskursive Formation des dialogischen Einverständnisses nicht mit anonymen, reglementarischen oder provokativen Verhaltensweisen der Kommunikationspartner erfüllt werden kann. Sie wird vielmehr im interaktiven kommunikativen Verhalten realisiert (unter anderem durch metabolisch begründete Möglichkeiten des allusiven, zweistimmigen, uneigentlich-direkten Wortes), das an die projektive Modalität des „vorweggenommenen antwortenden Wortes“ gerichtet ist (VLE, 93).

Die dominante repräsentative Modalität der von Bachtin entworfenen kommunikativen Strategie ist die Modalität des Verstehens. Dabei unterschied Bachtin konsequent das nur für das erste Stadium notwendige Wiedererkennen iterierender Elemente der Sprache vom Sinn erschließenden Verstehen der einmaligen Aussage (EST, 338).

Das erste Verstehen wird oft als Evokation beim Hörer derselben Vorstellung wie beim Sprecher gedacht. Doch nach Bachtin können „individuelle Vorstellungen nicht das gemeinsame Bindeglied des Verstehens“ sein, denn „visuelle Vorstellungen, die durch Sprache hervorgerufen werden, sind zufällig, individuell und eigensinnig“ (5, 255). Als wirkliches Verstehen gilt für Bachtin nur das zweite (Sinn erschließende) Verstehen, das er als „Sehen des lebendigen Sinnes eines Erlebnisses und Ausdrucks“ und als Aneignung (nicht Besitzergreifung!) des Textes einer Äußerung als „innerlich sinnerfüllter, sozusagen eigensemantischer“ Erscheinung (5, 9) beschreibt. Solches Verstehen „doubliert nicht das zu Verstehende“ (5, 216), es ist, anders als Wissen, nicht reproduktiv, sondern projektiv, denn es „ergänzt den Text […] und ist seinem Wesen nach kreativ“ (EST, 346). Jedoch sollte man es mit der mit-schaffenden Kreativität des Verstehens nicht übertreiben, wie es im Poststrukturalismus geschieht, wenn „die Geburt des Lesers durch den Tod des Autors erkauft werden muss“.*12

Sinn als Gegenstand des Verstehens hat für Bachtin einen „antwortenden Charakter“: er „beantwortet immer irgendwelche Fragen“. Dabei ist er „potenziell unendlich, kann aber nur durch Berührung mit einem anderen (fremden) Sinn aktualisiert werden“ (EST, 350). Daher ist das Verstehen immer eine Begegnung zweier Versionen des einen Sinnes, d.h. Aktualisierung des virtuellen gemeinsamen Sinnes, oder „die wahre Konvergenz (wenn zwei gedankliche Richtungen eine Seite der einen und derselben Wahrheit berühren)“ (5, 317). In der „gegenseitigen Veränderung und Bereicherung“ (EST, 347), in der Komplementarität dieser Versionen, die im Akt des Verstehen gleich aktiv sind, „findet das Teilhaftigwerden statt, auf den höheren Stufen – das Teilhaftigwerden der höchsten Werte“ (EST, 369), des allgemeingültigen Sinns des Seins. Doch als Verstehen ist dieses Teilhaftigwerden des absoluten Sinns immer bedingt: individuell-persönlich und geschichtlich konkret.

Die Geschichtlichkeit und Persönlichkeit des Verstehens äußern sich als „unendliche Erneuerung der Sinnzusammenhänge in immer neuen Kontexten“ (EST, 372) und bestehen darin, dass „jedes Verstehen einen gegebenen Text mit anderen Texten in Beziehung setzt“ (EST, 364), also aktives und verantwortliches Versetzen des Textes in verschiedene Kontexte darstellt. Die für die Literatur spezifischen Weisen des Verstehens sind: a) ästhetische Wahrnehmung, b) wissenschaftliche Erklärung, und c) publizistische (literaturkritische) Interpretation literarischer Werke. Die erste Verstehensart impliziert ästhetisch bedingte „Tonalität unseres Bewusstseins, die als emotional-wertender Kontext beim Verstehen dient“ (EST, 366). Die zweite bedeutet „Bewegung von einem Ausgangspunkt– einem gegebenen Text – aus“ (als einem Objekt literaturwissenschaftlicher Analyse) „zurück zu vergangenen Kontexten“. Die dritte meint „Bewegung vorwärts – Vorwegnahme (und Anfang) eines künftigen Kontextes“ (EST, 364).

Bachtin verweist auf „verschiedene Grade und Grenzen des Kontextes, die für das Verstehen notwendig sind“ (5, 255), bis hin zu dem Kontext „der großen Zeit – des unendlichen unabschließbaren Dialogs, in dem kein Sinn verloren geht“ (EST, 372). Das Verstehen als das Erschließen und Erneuern des intersubjektiven Sinns kann neben sprachlichen Äußerungen auch auf nicht-sprachliche Erscheinungen der Wirklichkeit gerichtet sein. In solchen Fällen tritt das Verstehen als „sinnhafte Umformung des Seins“ auf (EST, 367).

Im Laufe vieler Jahrhunderte vor der Neuzeit wurden mittels Ideologie und Kultur eine chor-ähnliche Einstimmigkeit und autoritär-monologisches Einverständnis zwischen Menschen innerhalb einer für alle gleich verbindlichen und unveränderlichen Weltsicht aufrechterhalten. In unserer Zeit dominiert hingegen provokative, die Wirklichkeit in viele alternative Welten spaltende Uneinigkeit die Sphäre der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die konzeptuelle Basis und die analytischen Möglichkeiten der Neorhetorik, aufgefasst als Metalinguistik, eröffnen eine Perspektive auf Verwirklichung des bachtinschen Projekts von einer gemeinsamen und verantwortlichen, dabei aber nicht imperativen Umgestaltung des Daseins. Das kommunikative Projekt des dialogischen Einverständnisses als der höchsten Form zwischenmenschlicher Beziehung erscheint in Anbetracht der heutigen historischen Situation wachsender Globalisierung besonders aktuell.

Eine adäquate Auffassung des bachtinschen Gedankenkomplexes ist allerdings nur selten anzutreffen. Einige Interpreten sehen in seiner Theorie sogar „Gefahren des Dialogs“.*13 Wie soll man hier nicht an Bachtins Teufel denken, der „sich vor dem Einverständnis fürchtet“?

Valerij Tjupa, Staatliche Universität für Geisteswissenschaften Moskau

[translated_ru_de]

  1. Michail  Ėpštein: Konstruktivnyj potencial gumanitarnych nauk [Das konstruktive Potential der Geisteswissenschaften], Moskau 2006, S. 21-22. []
  2. Vgl. Jurij Šatin: Iskusstvo peregovorov [Die Kunst der Verhandlungsführung], Moskau 2002. []
  3. Die Quellenangaben nach Bachtin-Zitaten beziehen sich auf folgende Ausgaben: 2 : Bachtin, M.M.: Sobranie sočinenij v semi tomach [Werke in 7 Bänden], Bd. 2, Moskau 2000. 5 : Bachtin, M.M.: Sobranie sočinenij v semi tomach [Werke in 7 Bänden], Bd. 5, Moskau 1997. 6 : Bachtin, M.M.: Sobranie sočinenij v semi tomach [Werke in 7 Bänden], Bd. 6, Moskau 2002. EST : Bachtin, M.M.: Ėstetika slovesnogo tvorčestva [Ästhetik des Wortkunstschaffens], Moskau 1979. VLE : Bachtin, M.M.: Voprosy literatury i ėstetiki [Fragen der Literatur und der Ästhetik], Moskau 1975 []
  4. R. Šor, N. Čemodanov: Vvedenie v jazykoznanie [Einführung in die Sprachwissenschaft], Moskau 1945, S. 140. []
  5. Benjamin Whorf: Collected Papers on Metalinguistics, Washington 1952. []
  6. Vgl. Valentin Vološinov: Slovo v žizni i slovo v poėzii [Das Wort im Leben und in der Dichtung], in: ders. Filosofija i soziologija gumanitarnych nauk [Philosophie und Soziologie der Geisteswissenschaften], St. Petersburg 1995, S. 72. []
  7. Tacho-Godi (Hg.): Antičnye retoriki [Antike Rhetoriken], Moskau 1978, S. 24. []
  8. Lachmann, Renate: Ritorika i dialogičnost‘ v myšlenii Bachtina [Rhetorik und Dialogizität in Bachtins Denken]), in: Ritorika 1 (3), Мoskau 1996. []
  9. Eugen Rosenstock-Huessy: Reč i dejstvitel’nost’ [Sprache und Wirklichkeit], Moskau 1994, S. 53. []
  10. S. Brojtman: Dialog i Monolog [Dialog und Monolog], in: Diskurs 11, Moskau 2003, S. 46-48. []
  11. Vgl.: “Wort ist ein Drama mit drei Protagonisten” (5, 332). []
  12. Roland Barthes: Izbrannye raboty. Semiotika. Poėtika [Ausgewählte Werke. Semiotik. Poetik], Moskau 1989, S. 391. []
  13. Vgl. z.B. Alan Fogel: Coerced Speech and the Œdipus Dialogue Complex, in: Rethinking Bakhtin. Extensions and Challenges, Evanston 1989, S. 173-196. []
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