2 x 2 = mehr

8. Januar 2015 | Von | Kategorie: Editorial

Hans-Georg Gadamer hat das Wesen der hermeneutischen, verstehenden Erfahrung als die Dialektik von Frage und Antwort bestimmt. In unserer digitalen Welt des Wissens auf Abruf mag diese Formel auch als ohne weiteres einleuchtend erscheinen. Lernt man denn nicht schon in der Schule, dass jede Frage eindeutig beatwortbar sein kann, ja sein muss? Und gilt die Verifizierbarkeit von Antworten nicht nach wie vor als Das grundlegende Kriterium der wissenschaftlichen Erkenntnis, selbst wenn sie nach Popper nun ex negativo aufgefasst wird und im gespiegelten Gewand der Falsifizierbarkeit aller Erkenntnis daherkommt? Doch so einfach ist es mit dieser Dialektik nicht. Denn auch die alltägliche Erfahrung lehrt uns, dass im Zwischenmenschlichen keine einfachen Wahrheiten zu erwarten sind. Und dass einseitige eindeutige Antworten das Ende des Gesprächs bedeuten, lernen wir aus den politischen und sozialen Krisen unserer Zeit. Für die Geisteswissenschaften jedenfalls reicht es nicht, irgendwann einmal festgestellt zu haben, dass zwei mal zwei gleich vier ist. Die Wissenschaft vom Geist kann der dialogischen Natur des von ihr zu erforschenden Gegenstandes nicht anders gerecht werden, als dass sie selbst diese Natur annimmt und das dialogische Prinzip zur methodischen Voraussetzung ihres Wahrheitsanspruchs macht. Denn sonst wäre sie ihrem erklärten Gegenstand, dem Geist, nicht ebenbürtig und darum inhaltsleer. Das Einmaleins der dialogischen geisteswissenschaftlichen Forschung muss darum lauten: Fragen stellen und sich fragen lassen, was auch immer schon impliziert, keine eindeutigen Antworten zu erwarten. Es gilt, alles Antworten als Fragestellen zu begreifen; jede Antwort als eine An-Frage und als ein Ant-Wort: ein Wort im Angesicht des gleichermaßen Fragenden und zu Befragenden Du.

Alle Fragen führen also zum Dialog. Doch wie äußert sich das Dialogisch-Sein der Literatur konkret? Und wie funktioniert tatsächlich die dialogische Herangehensweise in der Literaturwissenschaft? Diesen Fragen ist die aktuelle Ausgabe der Dialogical Humanities gewidmet, die dieses Mal nicht das geschriebene, sondern das lebendig gesprochene Wort erfasst. Die Vortragsreihe Slavische Literaturen in dialogischer Betrachtung fand im Wintersemester 2013/2014 in Göttingen statt. Sieben Forscher, darunter auch prominente slavistische Literaturwissenschaftler, widmen sich den verschiedenen Ausprägungen des Dialogischen in Literatur und Forschung. Die thematische Palette der Vorträge reicht dabei vom Aufspüren der dialogischen Einstellung in den Medien Literatur und Film über den Dialog zwischen verschiedenen Epochen, zwischen Vergangenheit und Zukunft bis hin zu der dialogisch fundierten ethischen Dimension der Kultur. Der dialogische Blick, das dialogische Denken eröffnen neue, ungeahnte Perspektiven der geisteswissenschaftlichen Forschung – und des alltäglichen (Er-)Lebens.

Überzeugen Sie sich selbst!

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