Unser Konzept

A. Dialogische Multikulturalität

Die Begegnung  der Kulturen formt eine neue, hybride Kultur, in der kulturelle Traditionen beider Seiten bewahrt und ausgebaut werden. Weder Integration, die eine der beiden Traditionen der anderen unterordnet, noch kulturelle Selbstbehauptung, die auf bedingungsloser Anerkennung der eigenen Andersartigkeit beharrt, sind hier notwendig. Die erstere impliziert Gewalt seitens der Mehrheit, die letztere – seitens der Minderheiten. Wir wollen deshalb das Verständnis des multikulturellen Dialogs in der modernen globalisierten Welt vorantreiben, denn der Dialog geht weit über eine kulturelle Konfrontation oder die gegenseitige Ignoranz der Toleranz hinaus. Wir wollen uns auch mit der Rolle auseinandersetzen, die Kunst, Musik und Literatur im multikulturellen Dialog spielen.

B. Dialogische Auffassung der Vergangenheit

Unser Ziel ist der Dialog mit der kulturellen Geschichte, der den schlechten Antagonismus zwischen der narrativen „Erzeugung“ der Vergangenheit und bloßer „Registrierung“ historischer Fakten überwindet. Wir wollen solche Einstellungen der Forschung zur kulturellen Vergangenheit fördern, die das gegenseitige Verstehen in multikulturellen Gesellschaften stimulieren können. Wir setzen uns zum Ziel, dialogische Geschichtlichkeit in die Unterrichtspraxis umzusetzen, was die multikulturelle Integration befördern würde.

Kulturelle Identität formt sich in der Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln. Der Schlüssel zu einer erfüllten kulturellen Interaktion, welche die kulturelle Zugehörigkeit ermöglicht, liegt also in unserer Beziehung zu unserer kulturellen Vergangenheit. Daher muss unsere Aufgabe sein, den Prozess der lebendigen Begegnung mit der Vergangenheit zu beschreiben, die einer tiefen persönlichen Beziehung zum Anderen gleicht. Welche Formen der geschichtlichen Begegnung würden dieser Forderung entsprechen? Wie funktionieren sie? Wie können sie helfen, neue Formen der schulischen Vermittlung von Geschichte und Kultur herauszubilden? Wer sind die Dialogpartner eines geschichtlichen Dialogs? Wie kann man Gegenwart, Realität und Aktualität der kulturellen Vergangenheit begreifen? Spielen Kunst und Literatur eine katalytische Rolle beim Dialog mit der Vergangenheit? Wie wirkt sich die Begegnung mit der kulturellen Vergangenheit auf die Herausbildung der kulturellen Identität aus? Wie trete ich in einen Dialog mit früheren kulturellen Formationen? Brauchen wir neue, dialogische Formen der Vermittlung der kulturellen, politischen und sozialen Geschichte?

C. Dialogisches Verständnis von Geschlechtlichkeit

Die heutigen Gender Studies operieren oft mit Zuschreibungen. Beziehungen zwischen den Geschlechtern werden meist entweder als Projektionen der Begierde oder als Ausdruck des Willens zum Beherrschen gedeutet. Natürlich spielen diese Aspekte in geschlechtlichen / sexuellen Beziehungen eine durchaus wichtige Rolle, jedoch sollte die geisteswissenschaftliche Forschung nicht von vornherein die Möglichkeit dialogischer Haltung in diesem Bereich ausschließen. In dieser Hinsicht können und müssen Gender Studies nach möglichen neuen Zugängen zum Verstehen zwischengeschlechtlicher Beziehungen suchen. Neben der biologisch grundierter Erforschung von „sex“ und soziologisch fundierter Erforschung der gegenseitig zugeschriebenen „gender-“ Rollen müssen auch mentale/psychologische wie auch kulturelle Aspekte der geschlechtlichen Beziehung in Betracht gezogen werden, die das Begriffspaar „sex“ und „gender“ sprengen – und für die wir bis jetzt noch nicht einmal wissenschaftliche Termini haben.

D. Dialogische Soziologie

Was sind die „Elemente“ der sozialen Sphäre? In der traditionellen Soziologie sind das „Haltungen“, „Meinungen“ oder „Verhaltensweisen“ der Individuen, die man unter signifikante Muster subsumieren kann. Diese Elemente muss man allerdings als einzelne Individuen betreffend verstehen, Individuen, die systematisch aller interpersonalen Beziehungen, jeder Begegnung entledigt wurden. Ist eine auf sozialer Begegnung, auf zwischenmenschlichem Dialog basierende Soziologie vorstellbar? Welchen Begriff der Menschlichkeit setzt die traditionelle Soziologie voraus? Können wir uns mit diesem Begriff zufrieden geben? Sollte nicht vielmehr die Soziologie die Begegnung als das konstitutive Element des Sozialen begreifen? Wie würde eine solche soziologische Forschung aussehen, welche Methoden könnte sie entwickeln, welchen epistemologischen Status würden ihre Resultate haben?

E. Dialogische Interpretation

Es ist zu erwarten, dass der Bereich der Interpretation der am meisten beanspruchte Bereich im Zusammenhang mit dem dialogischen Ansatz sein wird, da er dem Forschungsgebiet von Bachtin am nächsten ist. Doch Bachtins Dialogizität wird meistens als innerfiktionales Faktor gesehen und nicht als Einstellung zum fiktionalen Werk. Allerdings wurden auch Versuche unternommen, die von Bachtin vorgeschlagene doppelte Innen/Außen-Perspektive zu generalisieren. Andererseits sollte der Dialog mit einem Kunstwerk nicht zu einem hermeneutischen Abenteuer verkommen, denn in einem Dialog gibt es keine absoluten Wahrheiten zu entdecken. In einem Dialog sind beide Seiten in Bewegung. Warum verlieren sie nicht ihre Identität in ihr? Was kann der „Dialog mit dem Kunstwerk“ also bedeuten? Können oder gar müssen Kunstwerke wie der „Andere“ auf der sozialen Ebene behandelt werden?

F. Dialogische Pädagogik

Die Pädagogik scheint für den dialogischen Ansatz am meisten geeignet zu sein. Bildet denn nicht der Dialog zwischen Lehrer und Schüler den Kern jeder Pädagogik? Dennoch scheinen zwei Richtungen in der Pädagogik diesen Vorstoß zu ignorieren: zum einen die einseitige Konzentration auf das Unterrichten („ich weiß etwas, was du nicht weißt und bin daher ermächtigt, dich einzuweisen“), zum anderen die einseitige Konzentration auf Bedürfnisse, Interessen und Neigungen der Schüler. Es scheint, als würden beide Einseitigkeiten durch streng empirische Forschung begünstigt werden, denn rein empirische Blickrichtung ist nicht in der Lage, beide Seiten des pädagogischen Prozesses in ihrem Wechselverhältnis einzubeziehen, sie ist nicht imstande, das Verständnis von pädagogischer Begegnung zu liefern. In welcher Form ist der Dialog zwischen den offensichtlich sozial ungleichen Instanzen Lehrer und Schüler möglich? Was ist ein pädagogischer Dialog (Bachtin würde sagen, es ist sokratischer Dialog, doch es bestehen Zweifel hinsichtlich der Offenheit sokratischer Fragen)? Wie kann ein Lehrer seine Schüler und sich selbst auf das Unerwartete seiner Ergebnisse vorbereiten? Wie kann die nötige pädagogische Distanz in einem Dialog bewahrt werden? Wie profitiert der Unterricht von der dialogischen Einstellung? Kann eine „Einstellung“ unterrichtet werden?

G. Dialogische Klassifikation

Das Klassifizieren scheint ganz und gar monologisch zu sein: Eine Instanz ordnet andere in Schubladen ein. Gleichwohl ist Klassifikation in den Geisteswissenschaften unverzichtbar, denn Einstellungen und Begegnungen müssen generalisiert werden. Ist eine dialogische Klassifikation möglich, die nicht nur mein „Objekt“, sondern immer auch mich selbst mit einschließt? Ist eine „verstehende“ Klassifikation vorstellbar, die dem Anderen einen Freiraum lässt, um mich zu überraschen? Wie können Begegnungen klassifiziert werden? Welcher epistemologische Status kommt der Klassifikation in den Geisteswissenschaften zu? Ist Typologie eine dialogische Art der Klassifikation? Kann Kultur typologisiert werden?

H. Dialogische Philosophie, Theologie und Psychologie

In der Philosophie gibt es schon eine dialogische Tradition. Allerdings sehen wir hier eine Antinomie zwischen existentiellen Ontologien, die eine Begegnung mit dem Anderen als Kampf auf Leben und Tod verstehen, und sozialen Ontologien, die einen tiefen „absoluten“ Dialog zwischen Menschen in Verbindung mit Religiosität postulieren. Gibt es einen Weg, diese Antinomie zu überwinden? Oder schließen sich existentielle und soziale Ontologien gegenseitig aus? Wie entsteht in der frühen Kindheit der Dialog einer Person mit ihrer sozialen und existentiellen Umwelt? Wie wirken sich diese Prozesse im Bereich des kulturellen Dialogs aus?